Über 3000 km sind wir die Ruta 3 durch die endlose, karge Steppe gefahren. Je näher wir unserem Ziel Ushuaia kommen, desto abwechslungsreicher und grüner wird die Landschaft endlich wieder. Die ersten grünen Wiesen und Wälder tauchen auf. Flüsse schlängeln sich durch sie hindurch. Und in der Ferne zeichnen sich Berge ab. Die Straße erreicht den Fagnano Lake und bietet uns einen traumhaften Ausblick auf das blaue, unruhige Wasser. Seine gigantische Größe lässt den See wie ein Meer wirken. Dahinter fahren wir in die Berge hinein, die sich wie ein Eintrittstor vor Ushuaia platzieren. Und auf einmal liegen sie vor uns, die bekannten Türme mit dem Schriftzug „Ushuaia“. Zwölf Tage sind wir der Ruta 3 von Buenos Aires hierher gefolgt, vom Hochsommer in den Winter gefahren (Obwohl in Feuerland offiziell noch Sommer ist, werden wir hier Schnee und Nullgrade erleben.). Hier angekommen zu sein, fühlt sich in diesem Moment überhaupt nicht greifbar für uns an. Für Marcel steht Ushuaia für eine Art Beginn der Reise, da es der symbolische Start der Panamericana ist. Wir sind stolz und freuen uns, dass wir unsere Pläne verfolgt haben und mit Erwin nun hier stehen. Trotzdem wird die Situation dem Anlass nicht gerecht. Wie soll es auch anders sein – an den Türmen gibt es eine Baustelle, viel Verkehr und noch dazu ist es sehr windig. Wir machen ein kurzes Selfie, bei dem das Stativ samt Handy umgeweht wird.
Wir verweilen nicht lang im Moment, sondern suchen uns an diesem späten Nachmittag lieber noch einen Stellplatz. Dieser Stellplatz wird für uns in der kommenden Woche eine Art „Zu Hause“, ein Ort, an den wir fünf Nächte zurückkehren, die Natur genießen und uns wohl fühlen, obwohl er nahe der Straße liegt. Es muss eben nicht immer der Traumstellplatz am Strand sein.
Wir verbringen eine komplette Woche in Ushuaia und der Umgebung, erledigen einige ToDo’s, suchen eine Werkstatt auf und treffen neue Freunde wieder. Außerdem nehmen wir uns zwischendurch ausreichend Zeit, die Stadt kennenzulernen.
Ushuaia ist die südlichste Stadt der Welt und verkörpert das Image, am Rande der Welt zu stehen. Aufgrund des Tourismus ist sie sehr belebt und bietet eine gute Infrastruktur, aber die Natur bestimmt hier den Rhythmus des Lebens. Ushuaia wird umschlossen von hohen Bergen, deren Gipfel mit Schnee bedeckt sind, und dem kristallklaren, dunkelblauen Beagle Kanal. Die Straßen sind steil und erinnern einen an San Francisco. Durchquert man die Stadt von West nach Ost oder umgekehrt, geht es ständig auf und ab. Anfangs fragen wir uns, welche Vorfahrtsregeln hier gelten. Keine Schilder, kein unausgesprochenes „Rechts vor links“ – scheinbar hat Vorfahrt, wer den Berg hoch oder runter fährt.
Das touristische Zentrum der Stadt erstreckt sich entlang der Küstenpromenade, der Aud. Intendente Jorge Garramuno, und der Avenida San Martin. Wir nutzen einen sonnigen Mittag und laufen entspannt die Promenade entlang, vorbei an dem unscheinbaren Schild „Fin del Mundo“, welches zwischen den kleinen Holzhäuschen der Tourenanbieter platziert ist, weiter zum dem gestrandeten Schiff „Costanera de Ushuaia“ bis zum obligatorischen, weißen Namensschriftzug. (Übrigens werden wir noch feststellen, dass jede Stadt in Argentinien, egal ob groß oder klein, mit einem eigenem Schriftzug aufwartet.)
In diesem Moment erkennen wir ein Gefühl in uns wieder, welches wir auch im Norden Norwegens empfunden haben. Ushuaia ist keine architektonische Perle und bietet keine besonderen Sehenswürdigkeiten. Es ist rough, stellenweise vielleicht sogar äußerlich hässlich aufgrund seiner Industrieanlagen, dem Containerhafen und seinen Nebenstraßen. Die innere Schönheit der Stadt liegt im Gefühl und der Natur.
Das Umland bietet zahlreichen Outdoormöglichkeiten. Nicht nur im Tierra del Fuego Nationalpark findet man großartige Wanderungen. Direkt vor den Stadttoren kann man verschieden schwere Wanderungen zu Aussichtspunkten und Lagunen unternehmen, z.B. dem Glacier Martial, dem Cerro del Medio, dem Cerro Guanaco, der Laguna Turquesa oder der Laguna Esmeralda.
Wir entscheiden uns zuerst für die Wanderung zur Laguna Esmeralda, einem smaragdgrünen Bergsee. Der rund 10 km lange Weg (Hin-und Rückweg) beginnt an der Ruta 3. Es gibt ausreichend Parkflächen, da er Weg allerdings sehr beliebt ist, sind diese auch nötig. Aufgrund der Beliebtheit finden wir auf der Wanderung eher selten Einsamkeit, aber der Weg lohnt sich aufgrund der atemberaubenden Aussichten auf die umliegenden Berge und Gipfel alle Mal. Die uns umgebende Natur ist wunderschon und abwechslungsreich – Lenga-Wald, moosige Torfmoore, steinige Gletscher-Täler und die Lagune als Ziel. Leider lässt uns die Natur auch ihr wechselhaftes Wetter spüren. Je näher wir der Lagune kommen, desto stärker wird der Regen, weshalb wir das erreichte Ziel nicht ausgiebig genießen können. Wir lernen schnell, dass man auf Feuerland für jedes Wetter gewappnet sein sollte. Leider verwehrt uns der unerwartete Wintereinbruch mit Minusgraden und Schnee an den darauffolgenden Tagen weitere Wanderungen auf die umliegenden Berge.
